Hallo Gerd,

 

Justieren von binokularen Ferngläsern

 

Ältere Ferngläser sind häufig stark dejustiert und zeigen Doppelbilder. Ich benutze Zeiss Jena-Ferngläser bzw. einige sehr preiswerte und gute sowjet-russische Gläser, welche ich mit der nachfolgend beschriebenen Methode selbst justiert habe. Bei diesen Gläsern erfolgt die Justierung über Exzenterringe am Objektiv und ist für jemanden, der keine zwei linken Hände hat mit etwas Geduld zu erledigen. Zum Lösen des Vorschraubrings habe ich mir ein Werkzeug aus Blech gebaut (Bild 1).

 

 

Bild 1: Lösen des Vorschraubrings bei einem 8x30 Fernglas von Zeiss-Jena

 

Wenn der Vorschraubring abgeschraubt ist, kann man die Exzenterfassung des Objektivs gut erkennen. 

Zum Justieren wird ein Stern beobachtet. Dabei wird der Stern im linken Rohr scharf gestellt, im rechten Rohr wird der Stern durch den Dioptrienausgleich unscharf gestellt. Dies ist erforderlich, da bei gleichen Bildern das menschliche Gehirn versuchen würde, diese zur Deckung zu bringen. Durch die Beobachtung von zwei unterschiedlichen Bildern wird nach meiner Erfahrung dieser Mechanismus unterdrückt. Der scharfe Stern lässt sich so relativ leicht in das Zentrum des unscharfen Sternbildes bringen. Bei leicht angeschraubtem Vorschraubring lassen sich die Objektivfassung und der äußere Exzenterring – am besten mit einem kleinen Uhrmacherschraubenzieher – verdrehen. Es kann sein, dass sich die Ringe nur sehr schwer drehen lassen. Die russischen Gläser bzw. die Gläser von Zeiss-Jena sind mit Fett abgedichtet. Dieses Fett verklebt mit der Zeit. Wenn das Fett entfernt wird (dieses ist bei Gläsern mit Mitteltrieb sowieso sinnlos, da die Okularführungen undicht sind), lassen sich die Objektivfassung bzw. der Exzenterring leicht drehen. Eine Regel, wie die Drehung erfolgen muss, existiert sicher nicht, man muss hier einfach etwas probieren (verschiedene Drehwinkel der Objektivfassung, bei verschiedenen Stellungen der Fassung zum Exzenterring).

Die Methode ist sehr empfindlich. Ein exakt zentrischer Stern lässt sich kaum erreichen, da schon das Anziehen des Vorschraubrings zu einer leichten Verkippung führt (am besten ist es, wenn ein Helfer die Objektivfassung und den Exzenterring beim Anziehen mit Uhrmacherschraubenziehern festhält und so gegen Verdrehen sichert). Auch ändert sich die Stellung des scharfen Sterns im Bild des unscharfen Sterns über das Bildfeld (Bilddrehung, Koma am Bildfeldrand). Wenn sich der scharfe Stern in der Bildmitte zentrisch im unscharfen Stern befindet und dann nach links oder rechts auswandert, wenn das Fernglas so gekippt wird, dass der Stern nach oben oder unten ins Bildfeld wandert, liegt das wahrscheinlich an einer Bilddrehung. Die Bilddrehung war bei den von mir bisher justierten Ferngläsern so moderat, dass ich diese nicht justiert habe. Auch bin ich der Meinung, dass es bei einem Fernglas im Wesentlichen auf eine ordentliche Abbildung in der Bildmitte ankommt. Wenn man ein Objekt, das sich im Bildfeld befindet näher betrachten möchte, bewegt man ohnehin (meist automatisch) das Fernglas so, dass sich das Objekt in der Bildfeldmitte befindet. Ein großes Gesichtsfeld ist lediglich angenehmer, da kein unangenehmes Tunnelblickgefühl entsteht – die genaue Beobachtung erfolgt in der Bildmitte.

Wenn sich der scharfe Stern durch Verdrehen der Exzenterfassung nicht einstellen lässt, muss die Lage der Prismen verändert werden. Manchmal lassen sich die Prismen in den Prismenstühlen etwas verschieben, wenn die Klemme über den Prismen ausgebaut wird. Da dies aber meist nicht ausreicht, muss man die Prismen verkippen, indem man unter die Prismen Plättchen aus Alufolie oder aus dünnem Blech legt (Bild2).

 

 

Bild 2: Prismenstuhl mit Blättchen aus mehreren Lagen Alufolie (durch Pfeil gekennzeichnet)

 

Wie das Prisma gekippt werden muss kann man abschätzen, wenn man die Prismenklemme abschraubt. Dann kann man das Prisma mit dem Zeigefinger festhalten und verkippen, während man durch das Glas schaut. So kann man zumindest feststellen, in welche Richtung gekippt werden muss. Man benötigt aber erfahrungsgemäß mehrere Versuche, bis man die richtige Stärke der Unterlage gefunden hat. Achtung!!! - Beim Einsetzen der Prismen muss man sehr vorsichtig vorgehen, da das Glas an den Kanten der Prismen leicht absplittert. Deshalb darf keine Gewalt angewendet werden – man sollte geduldig sein. Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass die Prismen verschmieren. Das ist aber kein Problem, dies lässt sich durch einen sauberen Lappen, der am Besten mit etwas Alkohol (billiger Ispropylalkohol) getränkt wird, beseitigen.

             

Es kann sein, dass Ferngläser anderer Hersteller anders als die beschriebenen Gläser justiert werden müssen (z.B. über Schrauben am Gehäuse). Es gibt auch Ferngläser, die nicht so einfach zu demontieren sind. Wenn man plant ein Fernglas selbst zu justieren, sollte man sich deshalb vorher sorgfältig informieren.

 

Aufgrund von Anfragen und Hinweisen möchte ich darauf hinweisen, dass es sich um eine „Bastelmethode“ handelt. Aus der Lage des scharfen Sterns im Bild des unscharfen Sterns kann man keine Aussage herleiten, ob ein Glas innerhalb der vorgeschriebenen Toleranzen justiert ist. Diese Aussage kann nur mit Hilfe einer geeichten Messeinrichtung getroffen werden.

An der Methode wurde kritisiert, dass beobachtet wurde, dass die Lage des scharfen Sterns im unscharfen Stern nicht konstant ist. Dies habe ich mit zwei weiteren Beobachtern überprüft, wobei dieser Effekt von uns nicht beobachtet wurde.

Als alternative Methode wird manchmal vorgeschlagen, zum Justieren zwei entfernte Objekte zu beobachten, wobei beide Rohre scharf gestellt sind. Nach meiner Erfahrung ist es sehr schwierig mit dieser Methode ein Fernglas zu justieren – nach mehreren Justierversuchen befand sich der scharfe Stern zum Teil ziemlich weit außerhalb des Zentrums (an unterschiedlichen Stellen) des unscharfen Sterns.

Als weiteren Parallelitätstest habe ich zunächst einen hellen Stern (in beiden Rohren scharf gestellt) mit dem Fernglas beobachtet. Dann habe ich das Glas vom Auge genommen und den Stern weiter beobachtet. Bei Gläsern, bei denen sich der scharfe Stern nicht in der Nähe des Zentrums des unscharfen Sterns befindet, hat man dabei für kurze Zeit irgendwie ein „ungutes Gefühl“. Wenn sich der scharfe Stern außerhalb des unscharfen Sterns befindet, kann es sogar vorkommen, dass man für kurze Zeit den Stern doppelt sieht (obwohl er im Fernglas als ein Stern zu sehen war). Wenn sich der scharfe Stern in der Nähe der Mitte des Unscharfen befindet, sieht man den Stern nach Wegnehmen des Fernglases nicht doppelt – auch hatte ich das „ungute Gefühl“ nicht. Damit funktioniert diese Methode nach meiner Meinung sehr gut – ich habe damit sogar russische 20x60 Ferngläser justiert.

Den Einwand, dass das Fernglas nach der bisher beschriebenen Methode nicht nach der Knickbrücke justiert ist und sich der Justierzustand bei der Verstellung des Augenabstandes unter Umständen verändert, kann ich nicht ausräumen. Man könnte sich sicher auch hier eine entsprechende Methode ausdenken (z.B. könnte man eine auf die Knickbrücke aufsetzbare Visiereinrichtung bauen, mit der man ein entferntes Objekt anvisiert) – ich halte es aber nicht für erforderlich meine Gläser so zu justieren, dass die Parallelität auch bei Beobachtung mit extremen Augenabständen erhalten bleibt.

 

Abschließend noch als Hinweis:                   

Bevor man an sehr teuren Ferngläsern herumbastelt sollte man prüfen, ob man diese Gläser nicht im Rahmen bestehender Garantien justieren lassen kann bzw. man sollte sich überlegen, ob der Wert des Glases nicht die Kosten einer professionellen Reparatur rechtfertigt.