Ferngläser mit veränderbarer Vergrößerung

Ferngläser mit veränderbarer Vergrößerung

 

Bei binokularen Ferngläsern ohne Bildstabilisierung zur freihändigen Benutzung ist durch die Handunruhe die sinnvoll nutzbare Vergrößerung dieser Gläser begrenzt auf 8 bis 10-fach. Deshalb ist es bei diesen Gläsern fraglich, ob es sehr sinnvoll ist, den Aufwand für Einrichtungen zum Wechsel der Vergrößerung zu betreiben. Außerdem haben Ferngläser mit veränderbarer Vergrößerung meist auch ein relativ kleines Gesichtsfeld. Trotzdem wurden binokulare Ferngläser mit veränderbarer Vergrößerung gebaut.

Anders ist die Situation bei Fernrohren oder Spektiven, die mit einem Stativ benutzt werden. Bei diesen Geräten sind höhere Vergrößerungen als bei Freihandbenutzung möglich. Um sich verschiedenen Beobachtungsbedingungen anpassen zu können, ist es deshalb hier sinnvoll, wenn die Vergrößerung an die jeweiligen Erfordernisse optimal angepasst werden kann. Auch kann man bei Spektiven ein kleines Gesichtsfeld eher tolerieren, als bei binokularen Handferngläsern, da diese nicht so sehr für Übersichtsbeobachtungen, sondern vorwiegend zur Beobachtung einzelner Details verwendet werden.    

 

1. Vergrößerungswechsel durch austauschbare Okulare

 

Das naheliegendste Prinzip zum Vergrößerungswechsel ist der Austausch von Okularen. Dieses Prinzip wurde bereits frühzeitig bei astronomischen Fernrohren benutzt. 

Schon ältere Galileigläser wurden mit veränderbarer Vergrößerung angeboten. In Bild 1 ist ein Modell zu sehen, bei dem die Vergrößerung verändert werden kann.

 

Bild 1: Galileiglas mit veränderbarer Vergrößerung

 

Bei  diesem Modell lassen sich über eine Art Schaltwalze mit Hilfe eines Rändelknopfes (im Bild rechts unter dem rechten Okular) verschiedene Okularlinsen in den Strahlengang drehen. Die Achse, mit der die Schaltwalzen der beiden Okulare verbunden sind, ist beschriftet mit „Theatre“, „Campagne“ und „Marine“. Die Kleinste Vergrößerung hat das Glas bei der Einstellung „Theatre“, die höchste Vergrößerung bei „Marine“. Da sich die Vergrößerung aus dem Quotienten aus Objektivbrennweite und Okularbrennweite ergibt und die Baulänge eines Galileiglases etwa gleich der Differenz aus Objektiv- und Okularbrennweite ist, muss nach einem Okularwechsel nachfokussiert werden. In [1] werden noch mehrere Galileigläser mit veränderbarer Vergrößerung durch verschiedene Mechanismen beschrieben. Deshalb kann man annehmen, dass das Prinzip der veränderbaren Vergrößerung schon bei Galileigläsern  recht verbreitet war.

 

Ein Spektiv mit einem Okularrevolver zeigt Bild 2.

 

Bild 2: Spektiv mit den Vergrößerungen 20x, 30x, 40x und 60x und einem Objektivdurchmesser von 60 mm, hergestellt in Japan, in Deutschland unter der Marke Revue vertrieben

 

Der Okularrevolver ermöglicht einen bequemen und schnellen Wechsel der Vergrößerung. Dieses Prinzip zum Wechsel der Vergrößerungen dürfte sich relativ leicht bei monokularen Modellen verwirklichen lassen. Vereinzelt wurden auch binokulare Feldstecher und binokulare Aussichtsfernrohre mit Okularrevolvern ausgerüstet. Da die Herstellung dieser Binokulare aber zum Erhalt der Bildfusion nach Vergrößerungswechsel eine außerordentliche mechanische Präzision erforderte, blieb diese Lösung auf Spitzenmodelle weniger Hersteller beschränkt.

 

Ein sehr erfolgreiches Modell von Zeiss-Jena war das monokulare Spektiv Asolia. Bild 3 zeigt das Okularende eines in den achtziger Jahren des 20.Jh. hergestellten Exemplars.

 

Bild 3: Spektiv 60/420 Asolia von Zeiss-Jena

 

Beim Asolia  wurden Astronomische Okulare verwendet. Für das Asolia waren orthoskopische Okulare mit 25, 16 und 10mm Brennweite vorgesehen.

 

2. Vergrößerungswechsel durch Okulare mit Zoomfunktion

 

Diese Methode zum Vergrößerungswechsel wurde seit den siebziger Jahren des 20.Jh. häufig bei Feldstechern genutzt. Bei Zoomokularen lässt sich die Okularbrennweite durch Verschieben optischer Baugruppen ändern. Bild 4 zeigt ein typisches Glas mit Zoomokularen aus den siebziger Jahren. 

 

Bild 4: Fernglas mit Zoomokularen

 

Ein großer Nachteil dieser Gläser ist, dass diese nur über ein relativ kleines Gesichtsfeld verfügen. Auch gelingt es meist nicht, eine hohe Abbildungsleistung bei allen Vergrößerungen zu erreichen und es muss nach Vergrößerungswechsel neu fokussiert werden.

Gläser mit Zoomokularen findet man fast ausschließlich im unteren Preisbereich bei Massengläsern. Von den großen Herstellern von Gläsern der Spitzenklasse werden binokulare Gläser mit Zoomfunktion in der Regel nicht angeboten. Leitz bietet lediglich mit den Duovid-Gläsern Ferngläser mit zwei wählbaren Vergrößerungen an.

Bild 6 zeigt das Zoomokular des Supra-Spektivs von Nickel (das Supra-Spektiv wird auch im Artikel „Auszugsfernrohre“ beschrieben).

 

Bild 5: Okular des Auszugsfernrohrs Supra 20-40/40 der Firma B. Nickel, Marburg/Lahn

 

Noch in den siebziger  Jahren des 20.Jahrhonderts war das Supra-Spektiv bei Hobbyastronomen und Jägern recht beliebt. Inzwischen ist es als Vertreter der Auszugsfernrohre mit einem Linsenumkehrsystem technisch überholt, modernere, leistungsfähige Spektive besitzen Prismenumkehrsysteme. 

 

 

3. Vergrößerungswechsel durch austauschbare Objektive     

 

Eine recht aufwändige Methode ist der Vergrößerungswechsel über austauschbare Objektive. Bild 7 zeigt einen russischen monokularen Feldstecher mit austauschbaren Objektiven.

 

Bild 6: monokulares Fernglas MP 20x60 bzw. 12x40 mit austauschbaren Objektiven. Vorn im Bild als 20x60, in der Bildmitte das demontierte Glas mit den beiden Objektiven, hinten im Bild die Aufbewahrungstasche

 

Der in Bild 4 gezeigte Feldstecher wurde in den Sagorsker Optisch-Feinmechanischen Werken hergestellt. Die Abbildungsgüte ist sehr gut, die Mechanik ist solide. Die Vergütung der Optik schimmert leicht rötlich, was ein Hinweis auf Multicoating ist. Die Objektive werden mit einer Ringschwalbe am Prismenkörper befestigt. Die Öffnung im Prismenkörper unter der Ringschwalbe ist zum Schutz der Prismen vor Staub mit einer vergüteten, planparallelen Platte verschlossen.

Von der Firma Dr. Hans Hensoldt wurden unter der Bezeichnung Hellso Duplex binokulare Ferngläser mit wechselbaren Objektiven hergestellt. Bei binokularen Gläsern dürften der mechanische Fertigungsaufwand sehr hoch gewesen sein, da nach einem Objektivwechsel die Fusion der von den beiden Fernglashälften erzeugten Einzelbilder erhalten bleiben muss.

Ferngläser mit auswechselbaren Objektiven sind eher Exoten und scheinen ohnehin nicht in sehr großer Stückzahl hergestellt worden zu sein.

 

4. Vergrößerungswechsel durch Vorsatzfernrohre    

 

Das Tellup wurde von Zeiss-Jena als Taschenfernrohr 2,5x und Lupe 6x angeboten. Besonders in den 60-ziger und 70-ziger Jahren des 20. Jh. wurde das Tellup von Sternfreunden als Vorsatzfernrohr für Feldstecher benutzt.

 

 

Bild 7: Monokulares Fernglas 10x50 von Zeiss-Jena mit einem Tellup als Vorsatzfernrohr

 

Dies war eine reine Bastellösung, das Tellup war werksseitig für diese Verwendung nicht vorgesehen. Damals waren aber selbst kleinere Astrofernrohre noch sehr teuer und damit für viele Sternfreunde unerschwinglich, so dass sich viele Hobbysterngucker so geholfen haben, um mit Ihrem Fernglas eine höhere Vergrößerung zu erzielen. Beschrieben wurde die Verwendung des Tellup als Vosatzfernrohr in Heft 1/2, Jahrgang 1965 der Zeitschrift „Die Sterne“. Unter Feldstecherfreunden wurde die Lösung besonders durch das Buch „Himmelswunder im Feldstecher“ von Rudolf Brandt bekannt gemacht.
Inzwischen werden Vorsatzfernrohre auch serienmäßig angeboten, z.B. das Zeiss Mono 3x12B, welches mit einem dazu gelieferten Adapterring als Vorsatzfernrohr für die Zeiss Victory Modelle genutzt werden kann.